Der Wissenschaftliche Beitrag von Anton Maria Schyrle
Anton Maria Schyrle war nicht der Erfinder des Fernrohrs, das schrieb er selbst Johann Lippersum (Lippershey, Lippersheim, Laprey) aus Seeland um 1609 zu. Auch eine „binoculare“ Variante, d. h. ein Fernrohr mit einem doppelten Tubus, geht auf Lippersum zurück, der für die Anmeldung zum Patent von den holländischen Generalstaaten zu der Entwicklung des heutigen Feldstechers gedrängt wurde. Lange wurde Schyrle diese Erfindung des sogenannten holländischen Fernrohres direkt zugeschrieben, war er doch parallel in Eigenregie, oder zumindest zusammen mit Wiesel, maßgeblich an der Weiterentwicklung dieser optischen Apparate beteiligt. Die ursprünglichen holländischen Fernrohre hatten konstruktionsbedingt nur ein eingeschränktes Gesichtsfeld. Umso erstaunlicher ist, dass Galileo Galilei mit diesen im Jahr 1609 vier Jupitermonde entdeckten konnte.
Im Jahr 1645, drei Jahre nach Galileis Tod, stellte Anton Maria Schyrle seine Inovation vor: ein aus vier Linsen zusammengesetztes Fernrohr. Diese Konstruktion erzeugte aufrechte Bilder und eignete sich daher besonders für Erdbeobachtungen. Obwohl das Keplersche Fernrohr ebenfalls aufrechte Bilder lieferte, war es gegenüber Schyrles „terrestrischem Fernrohr“ im Nachteil. Es bestand aus einem sehr langen Tubus und war so sehr unhandlich. Fernrohre nach Schyrles Prinzip fanden in der Seefahrernation England rasche Verbreitung und wurden schnell nachgebaut.
Schyrles Verdienst für die Optik scheint die Einführung der Begriffe Objektiv und Okular in die Sprache zu sein. Die Entdeckung weiterer Jupitermonde, nachdem Galileo Galilei die ersten vier Monde der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, sprechen ebenfalls für die Möglichkeiten seines Fernrohrs. Sein Verdienst wurde damals wohl nur von der Fachwelt registriert.
Seine Korrespondenz mit Kurfürst Johann Philipp von Schönborn lässt erahnen, was Schyrle nach 1645 noch publizieren wollte. In seiner Korrespondenz spricht er Dinge an wie: ein Fernrohr als optischen Distanzmesser, ein Periskop ähnlich einem Scherenfernrohr, die erste Beschreibung der Streifenstruktur der Jupiteroberfläche oder eine europäische Sternwarte nach Beginn der Teleskopära – Tycho Brahe hatte zuvor schon eine Sternwarte aber noch ohne Fernrohr – Uraniborg 1580.
Ein Tal und ein Krater auf dem Mond wurden nach Anton Maria Schyrle benannt
Im Modell sehen Sie einen Mondglobus. Da sich Anton Maria Schyrle um die Entwicklung des Teleskops sehr verdient gemacht hat, wurden ein Tal und ein Krater auf dem Mond nach ihm benannt. Man verwendete dafür seinen latinisierten Namen „Anton Maria Schyrleus de Reitha“ mit dem er seine Bücher veröffentlicht hatte. Im Modell sind der Krater und das Tal auf der Vorderseite des Mondes markiert.
Vallis Reitha, das Reitha Tal, liegt auf 42° 30' südlicher Breite und 51° 30' östlicher Länge auf dem Mond. Das Tal ist etwa 445 km lang und ist damit 9-mal so lang wie das Lechtal. Es würde in gerader Linie von Reutte bis nach Wien reichen.
Reitha, der Krater Reitha, liegt neben dem Reitha Tal auf 37° 06' südlicher Breite und 47° 12' östlicher Länge auf dem Mond. Der Krater hat einen Durchmesser von etwa 70 km und eine Fläche 164-mal so groß wie der Reuttener Talkessel. Befände sich Reutte im Zentrum des Kraters, dann würde Telfs am Kraterrand liegen.
392 m bis zum Saturn
220 m bis zum Uranus
Pater Anton Maria Schyrleus de Reitha (1603/1604 – 1660)
Anton Maria Schyrle wurde im Jahr 1603 oder 1604 mit dem Taufnamen Johann Burchard in Reutte geboren.
1627, 13. März, Eintritt in den Kapuziner Convent in Passau. Er nannte sich fortan Anton Maria.
1628, 13. März, Profess im Kapuzinerkloster Passau
1636 als Lektor der Philosophie nach Linz beordert
1637 Beichtvater für den festgesetzten Trierer Kurfürsten Philipp Christoph von Sötern, Erzbischof von Trier und Speyer. Er wurde anschließende zum Vertrauten und Diplomaten für den Erzbischof.
1640 reiste er im Auftrag des Erzbischofs zur „visitatio liminum“ zu Papst Urban VIII. nach Rom. Bei dieser Reise handelte es sich um die kirchenrechtliche Pflicht der römisch-katholischen Bischöfe, alle fünf Jahre einen persönlichen Bericht über den Zustand der jeweiligen Diözese zu liefern.
1643, erstes Buch „Novem stellae circa Jovem visae, circa Saturnum sex, circa Martem nonullae“ gedruckt in Löwen in Flandern. Kurz darauf arbeitete er zusammen mit Johann Wiesel aus Augsburg an einer Optischen Werkstätte.
In seinen Büchern verwendet er die latinisierte Form seines Namens: Anton Maria Schyrleus de Reitha, wobei „de Reitha“ für seinen Herkunftsort „Reutte“ steht.
1645, zwei Bücher „Oculus Enoch et Eliae sive radius sidereomysticus“. Sein wissenschaftliches Hauptwerk über den Bau von Fernrohren. Erneute Zusammenarbeit mit Kurfürst Erzbischof Philipp Christoph von Sötern
1652 von Sötern stirbt, Schyrle verliert seine Ämter und wird von der Inquisition angeklagt.
1656 wurde er vom Ordensregal nach Rom zitiert.
1657 wurde er von Pabst Alexander VII. in Bologna nach Ravenna verbannt.
1659, sein letzter Brief stammt vom 22. Juli in dem er sich aus der Verbannung an Kurfürst Schönborn gerichtet mit der Bitte ihn aus der Verbannung zu lösen.
1660, am 14. November starb Anton Maria Schyrleus in Ravenna.
Anton Maria Schyle - Herkunft
Die Debatte, ob es sich bei Schyrle (die Schreibweise seines Familiennamens ist in der historischen Forschung die gängigste Variante) um einen Tiroler oder gar einen böhmischen Mönch handelte, hat mehrere Hintergrunde. Die Frage, ob er aus Böhmen stammt, geht auf die Zugehörigkeit von Anton Maria zur österreichisch-böhmischen Provinz des Kapuzinerordens zurück. Auch der Namenszusatz „de Rheita“ sorgte für Diskussionen; so kamen Rheit in Böhmen, Reit in Tirol, Reith bei Salzburg, Rheydt im Rheinland und Reutte in Tirol immer wieder als mögliche Herkunftsorte in Betracht.
Seine Professniederschrift vom 13. März 1628 im Professbuch des ehemaligen Kapuzinerklosters Passau in dessen Convent er 1627, auf den Tag genau ein Jahr zuvor, eintrat, kann als klärende Quelle herangezogen werden:
„Ego fr. Antonius Maria (olim fr. Joann Burchardus Schyrle a Reitta, Tyrolensis, Canonicus Regularis S. Augustini in Mon ´io Uderstorf Professus) aetatis meae 23 annorum, die 13. Martz anno post Christum natum 1627 habitu seraphico S.P.N Francisci a.P. […]“
Aus diesem Eintrag geht hervor, dass Schyrle im Jahr seines Übertritts in das Kloster Passau zuvor als Regularkanoniker im bayerischen Augustinerchorherrenstift „Undersdorf“ (heute Markt Indersdorf) den Taufnamen Johann Burchard trug, aus Reutte in Tirol stammte und dreiundzwanzig Jahre alt war. Eben aus dieser Quelle rekonstruieren wir heute neben seinem Geburtsort auch sein Geburtsdatum. Wenn Schyrle im März 1627 dreiundzwanzig Jahre alt war, bedeutet dies 1603/04 als Geburtsjahr, was sich durch die verschollenen Kirchenbücher leider nicht weiter nachweisen lässt.
Anton Maria Schyrle in Diensten des Kurfürsten Erzbischof Philipp Christoph von Sötern
Die erste große biographische Wende im Leben des jungen Kanonikers fand 1636 statt, als ihn sein Orden als Lektor für Philosophie nach Linz abordnete. Dort wurde er ab 1637 als Beichtvater für den von Kaiser Ferdinand III. festgesetzten Trierer Kurfürsten Philipp Christoph von Sötern Erzbischof von Trier und Speyer, eingesetzt. Der Kurfürst nahm Sötern im Dreißigjährigen Krieg eine opportunistische Haltung ein und war für den Kaiser ein Problemfall. Schyrle wurde vom Beichtvater zum Vertrauten und letztlich zum Diplomaten im Auftrag Söterns, der in dessen Namen für seine Freilassung mit der kaiserlichen Administration verhandelte. Ebenfalls im Auftrag des Kursfürsten übernahm er bischöflichen Aufgaben und reiste im Jahr 1640 zur „visitatio liminum“ zu Papst Urban VIII. nach Rom. Bei dieser Reise handelte es sich um die kirchenrechtliche Pflicht der römisch-katholischen Bischöfe, alle fünf Jahre einen persönlichen Bericht über den Zustand der jeweiligen Diözese zu liefern.
Die gesamten Aktivitäten im Namen des kaiserlichen Gefangenen erregten aber Missfallen. Der Kaiser vergalt das Engagement Schyrles mit der Verbannung aus den habsburgischen Ländern und der Ausweisung des Mönchs aus der österreichisch-böhmischen Provinz des Kapuzinerordens.
Anton Maria Schyrle als Wissenschaftler
Getrennt von seinem Dienstherren von Sötern widmete sich Schyrle vollkommen der Wissenschaft. Die folgenden Jahre waren eine äußerst fruchtbare Zeit für seine astronomischen Studien und der Verbesserung der Konstruktion von Fernrohren.
Im Jahr 1643, erschien sein erstes wissenschaftliches Werk „Novem stellae circa Jovem visae, circa Saturnum sex, circa Martem nonullae“. In dieser in Löwen in Flandern erschienenen Publikation legte er den Nachweis vor, dass der Jupiter nicht vier, sondern neun Monde besitzt und der Saturn sechs. Kurz darauf traf er in Augsburg mit dem zwanzig Jahre älteren Johann Wiesel zusammen. Gemeinsam entwickelten sie höchstwahrscheinlich den Prototyp des späteren Fernrohrs, für das Schyrle in spezialisierten Fachkreisen heute noch bekannt ist. Mit Wiesel zusammen baute Schyrle in Augsburg eine Produktionsstätte für optische Apparate auf.
Im Jahr 1645 legte Schyrle sein wissenschaftliches Hauptwerk vor: „Oculus Enoch et Eliae sive radius sidereomysticus“. Darin wurde unter anderem eine Konstruktion eines aus vier Linsen zusammengesetzten Fernrohrs vorgestellt, das aufrechte Bilder liefern konnte und ein größeres Gesichtsfeld als die bisher bekannten Fernrohrtypen hatte. In wissenschaftlicher Hinsicht gab Schyrle den Theorien von Tycho Brahe den Vorzug vor denen von Kopernikus, vielleicht auch als Taktik, um sich einerseits nicht der Fachwelt zu entziehen und andererseits nicht mit der Kirche in Konflikt zu kommen. Außerdem wurden erstmals die Begriffe „Objektiv“ und „Okular“ verwendet, sie scheinen eine Schöpfung Schyrles zu sein.
Anton Maria Schyrle erneut im Dienst für den Kurfürsten Erzbischof Philipp Christoph von Sötern
Obwohl sich Schyrle als papsttreuer Kirchenmann und eifriger Gegenreformer darstellte, kam es zu einer weiteren biographischen Wende in seinem Leben. Im Jahr 1645 kehrte der vom Kaiser nunmehr freigelassene Kurfürst Erzbischof Philipp Christoph von Sötern nach Trier zurück und Schyrle folgte ihm. Letztlich stand die Herrschaft des Kurfürsten unter keinem glücklichem Stern und Schyrle, als enger Vertrauter, wurde zunehmend mit dessen Politik in Verbindung gebracht. Es war ihm aber möglich, die wissenschaftliche Forschung fortzuführen. Weitere Publikationen wurden ihm aber von der kaiserlichen Administration verboten. Ab 1650 korrespondierte Schyrle auch mit dem Mainzer Erzbischof und Kurfürst Johann Philipp von Schönborn, worin es sich anfangs um diplomatische Themen handelte. Zunehmend warb Schyrle auch hierin für eine Unterstützung seiner Wissenschaft und er bot Schönborn einige optische Apparate für unterschiedliche Zwecke an. Als 1652 der dem Kaiser unbequeme Philipp Christoph von Sötern starb, verlor Schyrle seine Ämter, Anstellung und auch seine Reputation. Außerdem wurde ihm ein Inquisitionsprozess mit wechselnden Anschuldigungen auferlegt – es wurden ihm Untreue, Unehrenhaftigkeit und Unzucht vorgeworfen. Damit waren für Schyrle eine weitere wissenschaftliche Karriere und Publikationstätigkeit ein für alle Mal erledigt.
Anton Maria Schyrle wurde verfolgt anstelle des verstorbenen Erzbischofs
Ab diesem Zeitpunkt war er auf der Flucht, in Gefangenschaft und musste sich verteidigen. 1656 wurde er vom Ordensgeneral nach Rom zitiert und später nach Bologna beordert um dann im Jahr 1657 vom Papst Alexander VII. persönlich nach Ravenna verbannt zu werden. In seiner Haft wandte sich Schyrle erneut der wissenschaftlichen Arbeit über die Optik zu und ließ dem Kurfürsten von Mainz sein neu entwickeltes Mondfernrohr überbringen. Der letzte Brief von Anton Maria Schyrle, datiert auf den 22. Juli 1659 und war direkt an den Kurfürsten Schönborn gerichtet. Darin ging er auf den Versuch des Kurfürsten ein, ihn aus der Verbannung zu lösen. Der Papst sollte in einer Petitionsschrift der Rheinischen Kapuzinerprovinz gebeten werden, Schyrle freizulassen.
Das Jahr 1660, das letzte im Leben Schyrles, ist weitestgehend nicht dokumentiert. Am 14. November 1660 starb Anton Maria Schyrleus de Rheita plötzlich und unerwartet. Sein Nachlass bestand offiziell nur aus zwei unveröffentlichten Manuskripten theologischen Inhalts. Von seinen weiteren Forschungsergebnissen fehlt jede Spur.